Führungsverständnis: Macht über/Macht unter vrs. Macht mit

Was ist ihre erste Assoziation bei dem Wort Macht? Denken Sie vielleicht daran, dass Sie in einer Führungsposition sind und die Macht haben, einer gewissen Anzahl von Menschen Anweisungen zu geben, die sie dann ausführen müssen – z.B. ihre Mitarbeiter, ihre Kinder, der Verein? Oder denken Sie beim Begriff Macht vielleicht daran, dass es da Menschen gibt, gegen die Sie sich einfach nicht wehren können, die immer bestimmen in welche Richtung es geht und wo sie einfach nicht zu Wort kommen – z.B. ihr Chef, der Partner, ihre Freunde?

Ein Experiment als Beispiel

Wenn Sie noch nicht genau wissen, wie sie zum Thema Macht stehen, machen wir vielleicht einmal ein kleines Gedankenexperiment. Angenommen, sie haben  mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner ein Abendessen geplant, das sie gemeinsam zubereiten und zu dem sie einige ihrer guten Freunde, alles Feinschmecker, eingeladen haben. Es ist 18.30 Uhr, sie stehen seit 2 Stunden gemeinsam in der Küche und wissen, dass ihre Gäste in 30 Minuten an der Türe klingeln werden in Erwartung eines köstlichen, gemütlichen, stimmungsvollen Abendessens. Die meisten Aufgaben sind erledigt, nur ein paar Kleinigkeiten noch. Plötzlich fällt ihrem Partner oder ihrer Partnerin, als er/sie das Geschirr aus dem Schrank holt, eine Schüssel aus der Hand; diese schlägt auf der Arbeitsfläche auf, zerspringt, die Scherben fliegen durch die ganze Küche: auch in den Salat, in das Dressing, in die geöffneten Töpfe, in die gerade frisch von ihnen angerührte Nachspeise. Das Essen ist ungenießbar geworden. Was tun sie?
Nun bin ich keine Freundin von Ankreuztests, doch mir fallen, um die verschiedenen Verständnisse des Begriffs Macht an diesem Beispiel verständlich zu machen, 3 grundverschiedene Verhaltensmuster ein:

  1. (c) Christel Sohnemann

    Man könnte sofort und ohne Diskussionen die Partnerin/den Partner auffordern, den Mist wegzuwerfen, sauber zu machen und klemmt sich ans Telefon um entweder die Freunde wieder auszuladen, ein Catering zu beauftragen oder einen Tisch im Restaurant zu reservieren. In diesem Fall geht es darum, HerrIn der Lage zu bleiben, die Fäden in der Hand zu halten, selbst zu wissen was jetzt zu tun ist und klare Handlungsanweisungen zu verteilen. Wer so reagiert (Ärger und Schuldzuweisungen müssen da nicht mal vorhanden sein), hat vermutlich noch nicht einmal die Idee, dass die anderen Beteiligten (PartnerIn, eingeladene Freunde) auch mit ihren Vorstellungen dazu beitragen könnten, für die Situation eine Lösung zu finden. Für mich ist dieses Reaktionsbeispiel ein Beispiel für Macht-über.

  2. Macht-unter wäre eher eine Reaktion, in der sie den Partner wissen lassen, dass sie nun auch keine Idee mehr haben, wie es weitergehen kann und darauf warten, dass er/sie – oder die eingeladenen Freunde – für eine Lösung sorgen. Bei dieser Reaktion werden sie etwas Mitleid für sich von den anderen Beteiligten erhoffen und sehen die Verantwortung für die Lösung des Problems bei jemand anderem – nicht bei sich. Sie ziehen sich innerlich zurück oder geraten in einen Wutausbruch, wo sie dem Partner klar machen, dass er sich selbst fortan um den Krempel kümmern muss. Wenn der Partner ihnen dann mitteilt, dass sie ja auch die Deckel auf den Töpfen hätten lassen können (Energiesparen!) und den Salat im Kühlschrank (Frische bewahren!), dann geben sie den Einwänden recht und werden, wenn sie es noch nicht längst getan haben, die Küche verlassen.
  3. Und Macht-mit? In unserem kleinen Beispiel würden die beiden, die bisher das Essen zubereitet haben, zunächst einmal gemeinsam schauen, wie sie mit der nun vorliegenden Situation (Küche ist ein Trümmerfeld, gleich klingelts an der Türe) umgehen. Sie würden beide ihre gemeinsame Verantwortung anerkennen und gemeinsam dazu beitragen, zu einer Lösung zu kommen. Und wenn die Freunde dann klingeln und das Trümmerfeld ist nach wie vor ein Trümmerfeld, dann werden auch die Freunde darin einbezogen, um zu schauen, wie ein Weg aussehen könnte, den Abend gemeinsam und in Freude, Leichtigkeit und mit Genuß zu gestalten.

Soweit das kleine Beispiel.

Das Verständnis von Macht über/Macht unter vrs. Macht mit in der Gewaltfreien Kommunikation

Für mich bedeutet Macht-über, dass nur oder überwiegend die Bedürfnisse der Person, die in einer Macht-über Position ist, wirklich zählen. Eine Person, die Macht-über wählt, sieht sich in der alleinigen Führung, hat eine genaue Vorstellung von Wegen, wie die Dinge zu laufen haben und kümmert sich in erster Linie um die eigenen Bedürfnisse. Das geschieht sowohl bewußt als auch unbewußt. Oftmals werden die Bedürfnisse anderer gar nicht wahr genommen und wenn doch, dann eben als nicht-wichtig oder nicht-realisierbar beurteilt. Gelegentlich projiziert eine Macht-über Person die bei ihnen gerade vorliegenden Bedürfnisse, die sie erfüllen möchte, auf andere („das wird dir auch gut tun!“). Eine Macht-über Position glaubt, wenn sie sich denn darüber überhaupt Gedanken macht, die Wünsche und Bedürfnisse anderer Personen genau zu kennen – ohne diese Personen zu fragen.

Jede Macht-über Position benötigt einen Kontrapunkt, eine Macht-unter Position, es kann das eine nicht ohne das andere geben. Eine Person, die Macht-unter wählt, vernachlässigt ihre eigenen Bedürfnisse und wertet die Bedürfnisse des anderen wichtiger als die eigenen. Eine Macht-unter Position übernimmt oftmals keine Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse sondern erwartet in diesen Fällen, dass sich jemand anderes um sie kümmert. Manche Menschen hoffen darauf, dass der andere erahnt, welche Bedürfnisse sie selbst haben und dann Strategien anbietet, um sie zu erfüllen. Eine Macht-unter Position sieht sich in einem Abhängigkeitsverhältnis zu einer Macht-über Position. Interessant ist wiederrum, dass auch eine Macht-unter Position genutzt werden kann, um Macht über jemand anderes auszuüben. Ich habe beispielsweise Menschen kennengelernt, die nach außen sehr schwach und hilfsbedürftig wirkten („ich bin ein Opfer! Ich bin so arm dran!“) und auf diese Weise immer wieder gezielt andere Menschen dazu gebracht haben, alles stehen und liegen zu lassen um für sie da zu sein und ihnen Hilfe zu geben („ich rette dich!“). Letztendlich ist diese Art von Spiel auch eine Form von hierarchischer Machtausübung. Macht-über und Macht-unter lassen sich so nicht voneinander trennen und oft nicht klar differenzieren. Es geht jedoch in diesem Fall immer um ein hierarchisches Machtverständnis.

(c) Christel Sohnemann

Macht-mit bedeutet nun, diesen Kreislauf der gegenseitigen Abhängigkeit zu durchbrechen. In meinem Verständnis von Macht-mit geht es darum, für die eigenen Bedürfnisse Verantwortung zu übernehmen und gleichzeitig anzuerkennen, dass alle anderen Beteiligten ebenfalls Bedürfnisse haben, die im jeweiligen Augenblick nicht unbedingt den eigenen gleich sein müssen und die sie nun auch erfüllen möchten. Macht-mit lädt dazu ein, dass alle Beteiligten ihre Bedürfnisse offen auf den Tisch legen und jeder für sich Verantwortung übernimmt. Nur dann kann gemeinsam nach einem Weg geschaut werden, der möglichst viele / alle Bedürfnisse aller Beteiligten erfüllt. Ich leite für mich gern den Begriff Macht von „mitmachen, mit-einander machen“ ab und es beschreibt für mich dann eine Form des gemeinsamen, hierarchiefreien Gestaltens. Eine Haltung von Macht-mit bedeutet auch, sich der eigenen Begrenztheit bewußt zu sein: zu wissen und zu spüren, dass eine Lösung eines Problems um so reicher und nachhaltiger ist, wenn sie von mehreren Personen getragen und entwickelt wird und nicht zu glauben, man selbst sei in der Lage, das Problem allein in den Griff zu bekommen.

Ganz alte Muster

Ich beschäftige mich mit dem Verständnis von Macht nun schon einige Zeit und ich beobachte, dass die jeweiligen Macht-Verhaltensmuster sehr subtil sind, Ich vermute, dass sie über viele hundert oder tausend Jahre ansozialisiert sind. Ich habe die Phantasie, dass unser tatsächliches Macht-Verhalten, das was jeder einzelne an den Tag legt, ganz tief in unseren Zellen sitzt und nur mit ganz viel Achtsamkeit für sich selbst und einer tiefen Bewußtheit wirklich zu verändern ist. Um das zu erläutern, möchte ich 2 von mir beobachtete Verhaltensweisen schildern, die ich bei Personen wahrgenommen habe, die von sich behaupten, sie lebten Macht-mit.

Die eine Person, die viel davon spricht, sie lebe Macht-mit (und das an ganz vielen Stellen auch tut),  hat in einer Situation, als es in der Gruppe etwas zu klären und gemeinsam zu beschließen galt, die bisherige Entscheidungsgrundlage über Bord geworfen und durch ihre Gedanken und Vorstellungen ersetzt ohne sich bei der Gruppe abzusichern, ob das erwünscht sei. Diese Person hat „Fakten geschaffen durch Handlung“, oder wollte es zumindest, letztendlich war die Gruppe wach genug und hat es nicht zugelassen. Für mich ist das ein Beispiel von Macht-über: wer am schnellsten ist, wer am lautesten ist, wer am überzeugendsten ist, wer als erstes ist, der gewinnt.

Das zweite Beispiel handelt ebenfalls von einer Person, die von sich sagt, sie lebe Macht-mit und das sicherlich auch an ganz vielen Stellen tut. Dort habe ich beobachtet, dass diese Person in einer Gruppe immer wieder eingefordert hat, sie wolle ebenfalls mitentscheiden und mitgestalten was das Leiten der Gruppe und das Gestalten der gemeinsamen Zeit angeht. Interessanter Weise war in dieser Gruppe keine Hierarchie zu beobachten für mich, es war eine Gruppe auf Augenhöhe, in der jeder einzelne eingeladen war, jederzeit durch seine Impulse beizutragen. Diese Person hat für mich ein Macht-mit versucht einzufordern. Offenbar spürte sie darin keine Erfolge und ging dann so vor, dass sie ohne Beteiligung aller und unaufgefordert Gegenentwürfe machte, wie die gemeinsame Zeit am besten zu gestalten sei. Für mich ist das ein Beispiel, wie subtil das ganze ist: wir glauben, wir sind ein Vertreter einer Macht-mit Position, leben tatsächlich zunächst ein Macht-unter (einfordern von etwas, jemand anderes „muss“ es uns geben) und enden dann in einem Macht-über Verhalten.

Um ein Macht-mit wirklich zu leben, es womöglich sogar in einer Organisation zu etablieren, braucht es viel Zeit, Bewußtheit, Achtsamkeit über die tatsächliche eigene innere Haltung. Und es braucht auch immer wieder die Einladung zum Dialog und die Einladung, dass jeder für sich selbst Verantwortung übernimmt. Das bedeutet auch, die eigenen NEIN auszusprechen, bzw. die dahinter liegenden Bedürfnisse, die erfüllt werden wollen, zu formulieren. Für mich ganz persönlich ist es so: jede Person oder Gruppe, die von sich behauptet, sie lebe Macht-mit, die schaue ich mir ganz genau an. Ich zumindest habe die Erfahrung gemacht, dass Macht-über / Macht-unter viel subtiler daherkommen und dass oftmals die Strukturen gar nicht vorhanden sind, ein ehrliches Macht-mit wirklich zu leben.

Dies ist der 3. Artikel in der Reihe Schlüssenunterscheidungen in der GFK. Die Reihe wird fortgesetzt.

 

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